Einleitung

Das Jahr 1989 ruft Erinnerungen an weltweite Umbrüche hervor. Während aber die sozialistischen Regierungen in Polen, Ungarn, der Deutschen Demokratischen Republik, der Tschechoslowakei, Bulgarien und Rumänien stürzten, wurde in der Volksrepublik China die Bewegung vom Platz des Himmlischen Friedens niedergeworfen. In einigen Ländern schienen sich die revolutionären Aufstände in rascher Folge zu ereignen, in anderen zeichneten sich der Wendepunkt schon länger ab. Auch das nichtsozialistische Taiwan erlebte während dieser Epoche einen entscheidenden Wandel. Nach dem Tod des Präsidenten Chiang Kai-shek im Jahr 1975 formierte sich eine Opposition, die eine Pluralisierung des Einparteiensystems forderte. Unter der Präsidentschaft von Chiang Kai-sheks Sohn Chiang Ching-kuo 蔣經國 (1910–1988) wurde das Kriegsrecht aufgehoben. Aber der Prozess bis zu den ersten freien Parlamentswahlen im Jahr 1992 setzte sich über mehrere Jahre fort. In dieser Zeit protestierten Bürger und oppositionelle Gruppen gegen die Regierung in verschiedenen Politikfeldern und gegen konkrete Regierungsmaßnahmen. Einige hiervon zeigt diese Ausstellung.


Der Fotograf Sung Lung-Chuan hat eine Auswahl seiner Werke in dem Buch Taiwan de ziyou fengjing 台灣的自由風景 (Taiwans Freiheitslandschaft)[1] zusammengefasst und kommentiert. Unser Ausstellungsprojekt versammelt alle Fotografien des dritten Kapitels dieses Buchs, „Minzhu – Jietou – Zhengzhi yundong de jilu, 1986 – 1989“ 民主 街頭 政治運動的記錄 1986~1989 (Demokratie – Straße – Dokumentation der politischen Bewegung 1986–1989) dar. Die Begleittexte folgen weitgehend den Texten von Sung Lung-Chuan.


An diesem Projekt haben Mark Y. S. Yang 楊雁翔, Nora Brasse, Helena Rohde und Wu Kuan-Wei 吳冠緯 mitgewirkt. Wu Kuan-Wei hat zudem das Layout der Ausstellung gestaltet.


Wir danken dem Fotografen, Herrn Sung Lung-Chuan, der Vertretung Taiwans in der Bundesrepublik Deutschland, insbesondere Herrn Kulturattaché Lee Pei-jung 李培榮, sowie dem Kulturministerium Taiwans für die Unterstützung dieser Ausstellung.

Christine Moll-Murata
Ruhr-Universität Bochum
Research Unit for Taiwanese Culture and Literature

[1] Taiwan de ziyou fengjing: Song Longquan sheying gushi ji. Kuaimen xia de zhenqing jishi 台灣的自由風景. 宋隆泉攝影故事集.快門下的真情紀事. Xinbeishi: Jilu Taiwan sheying gongzuoshi 2018. Die englische Version des Buchs ist unter dem Titel Scenery of Freedom in Taiwan: Sung Lung-Chuan Photo Story Collection. The Real Documentary Behind the Shutters erschienen.

Zum Fotografen Sung Lung-Chuan

Sung Lung-Chuan 宋隆泉 (geb. 1957) ist seit 40 Jahren als Fotograf tätig. Als Anhänger der politischen Opposition Taiwans sah er in der Fotografie ein damals noch unzureichend genutztes Potenzial, da die regierungskritischen Magazine bis Mitte der 1980er-Jahre eher unprofessionell mit Zeichnungen und nicht mit Fotografien gestaltet wurden. Sung empfand dies als einen Missstand, der der wachsenden Bedeutung der Opposition nicht gerecht wurde. Seine Straßenfotografie zeigt historische Schlüsselereignisse wie die Aufhebung des Kriegsrechts 1987. In dieser Phase waren seine Aktivitäten aufgrund der Zensur nicht risikolos. Sung nahm damals auch aktiv an der Organisation von Demonstrationen teil. Heute bieten die Fotodokumentationen für Sung Lung-Chuan eine Möglichkeit zur Vergangenheits-bewältigung. Dieser Prozess, auch als "Transitional Justice" bezeichnet, dauert in Taiwan bis in die Gegenwart an. Für manche bedeutet er eine Chance zur Aufklärung und Gerechtigkeit, für andere einen Rückblick, der Scham, Schmerz und Selbstvorwürfe auslöst.